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| Gob Squad: Performance der besonderen Art von Andreas Wilink Passen Sie auf, wenn Sie sich in der Nähe eines Theaters aufhalten, in dem die Gruppe Gob Squad gastiert! Etwa am "Prater", der Dependance von Frank Castorfs Berliner Volksbühne, oder in der Schlosserei des Kölner Schauspiels. Sie könnten sich auf der Bühne wiederfinden: als Teilnehmer von In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine, einem Stück von René Pollesch, das Gob Squad uraufgeführt und zur Performance umgeschrieben hat. Mitglieder der Gruppe überrumpeln vor der Theaterspielstätte Passanten und versuchen sie zum Mitmachen zu überreden. Für das Publikum drinnen wird dieses Vorspiel auf Leinwände übertragen. Falls die Amateur-Darsteller einwilligen, wird ihnen dann auf der Bühne mittels Knopf im Ohr die Handlung und ihr Dialog eingeflüstert. Frei nach dem Motto: Holt mich hier rein – ich bin kein Star . Spontane Reaktionen Mit der Aktion dreht Gob Squad der grassierenden Verblödung durch das Medium Mitmach-Fernsehen eine Nase und imitiert die albernen Reality-Shows. Was sich Daily Soaps und Talkshow-Parties an Verstößen gegen die Menschenwürde leisten, wird gnädig sinnfrei konterkariert. Und das Geschäft mit der kalkuliert peinlichen Selbstentäußerung spielerisch-ironisch aufgelöst. So eine Performance hängt sehr von der jeweiligen Tagesform der Gruppenmitglieder ab, die ihre Rollen wechseln und mal den Conferencier, mal den Animateur geben müssen, der die Passanten anquatscht. Die wichtigste Frage aber lautet: Wie reagieren die Alltagsmenschen, die sich besetzen lassen? Nicht jeder Kandidat ist kamera- und mikrofontauglich. Der situativ entstehende Zwang zur Improvisation, das spontanes Reagieren ist Teil des Projekts, das das Risiko des Scheiterns kalkuliert. Theater muss nicht unbedingt Theater sein Gob Squad existiert bereits im 14. Jahr; das Ensemble gründeten Studenten in Nottingham. Der Name, sagen sie selbst, klinge ein bisschen wie Punk und Kindertheater. Er entstand aus Zufall, als sie auf einer herumliegenden Mixkassette die Aufschrift "Gob" lasen. Das heißt so viel wie Mund oder Maul; "Squad" steht für Mannschaft. Die teils deutschen Mitglieder sorgten für den Sprung nach Deutschland, wo die Performance-Szene in den 90er Jahren neue Impulse erhielt und die Verbindung von Kunst, Film, Video und Theater das Stadttheatersystem herausforderte. Dass Theater nicht unbedingt im Theater stattfinden muss, ist bekannt. Doch dass Theater nicht unbedingt Theater sein muss, war neu. Die Abende von Gob Squad waren entschieden anders, ob man nun in einen Glaskasten guckte, in dem Menschen eine Party feierten (What are you looking at?), oder ob das ganze Stück ein Riesenfest in einem Zelt war (Say it like you mean it). Das nunmehr in Berlin beheimatete Kollektiv erkundet die Gegenwart und öffnet Erfahrungsräume: Man spielt in Einkaufscentern, in Fußgängerzonen, auf Parkplätzen, in Hotelzimmern, Museen, Kinos und Galerien, in einem offenen Bauwagen oder auch mal im Theater. Die inzwischen mehr als 30 Inszenierungen, Installationen und Interventionen tragen schöne Bezeichnungen wie Close enough to kiss oder Where do yo want to go to die. Der erste Ruhm kam für Gob Squad 1997, während der X. documenta in Kassel. 15 minutes to comply nannte sich ihr gemeinsam mit Stefan Pucher entwickelter Zwischenstopp in einer Untergrund-Straßenbahnstation, bei dem Videos, Licht und Sound Menschen zum Träumen und Tanzen brachten. Die Wartezeit, die man an Bahnsteigen zubringt, das öde Alleinsein dort verflog dabei wie im Rausch. Helden des Alltags Kunst und Leben sind bei ihnen keine getrennten Bereiche. Sondern das Leben, wie es sich einfach ereignet, ist der Umschlagplatz ihrer Performance Art. Gob Squad glaubt daran, dass man in der sozialen Echtzeit das Glück finden kann, deshalb sind sie mit dem Herzen bei der Sache, sind Helden des Alltags. Betreiben angewandte Chaos-Theorie, frohgemut, zugleich cool und beseelt, skurril und kess. Vor Klischees fürchten sie sich nicht, denn die seien voll von Emotionen, sagt Johanna Freiburg, die mit Berit Stumpf, Sean Patten, Sarah Thom, Simon Will und Bastian Trost die Gruppe bildet. Gob Squad geht auf sanften Kollisionskurs mit der Wirklichkeit, indem es die Sehnsucht nach etwas anderem in Anschlag bringt. Wie für alle Romantiker ist die Nacht ihr eigentlicher Raum und ihre bevorzugte Zeit. Etwa in ihrer Produktion Room Service, die sie auf zahlreichen internationalen Gastspielen von Sao Paulo bis Sibirien präsentieren. Die Performer sitzen jeweils allein in einem Hotelzimmer, mit den Zuschauern im Foyer per Videoschaltung und Telefon verbunden und ihnen ausgeliefert. Sie nehmen Botschaften in Empfang und bitten um Aufträge, die sie wunschgemäß erfüllen. Man erlebt eine Reflexion über Isolation und Kontaktnahme, Intimität und Öffentlichkeit, Verbindendes und Trennendes – und ein Spiel mit eben diesen Widersprüchen. Andreas Wilink ist Chefredakteur der Kulturzeitschrift "K-West" und war bis 2007 Jurymitglied des Berliner Theatertreffens Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion PRATERSAGA 3: IN DIESEM KIEZ IST DER TEUFEL EINE GOLDMINE Kölner Stadt-Anzeiger - 16./17. Februar 2008 Sex, Gagen und Video Gob Squad wirbt Passanten als Schauspieler an In der Kölner Schlosserei lässt das deutsch-englische Ensemble René Polleschs "Prater-Saga" spielen. Andi will Wegegeld. Schließlich habe man ihn, der gerade auf demWeg vom Fitnessstudio zurück zu seinem Hotel war, in die Schlosserei gelenkt. Freilich nur ein kurzer Umweg. Doch Andi weiß, was ihm zusteht, er ist ja Banker. Und für eine gute Stunde auch Darsteller in René Polleschs Stück "Prater-Saga 3: In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine". Beziehungsweise dem, was das deutsch-englische Theaterensemble Gob Squad davon übrig gelassen hat. Dem hatte Pollesch bereits vor vier Jahren den dritten Teil seiner Prater-Saga - benannt nach der Außenspielstätte der Berliner Volksbühne - anvertraut. Wenn sie auch nur mit einem Satz des Textes etwas anfangen könnten, dann wäre das schon okay, so Pollesch. Wer in dieser Spielzeit bereits eines der Kölner Gastspiele von Gob Squad gesehen hat, "Room Service" oder "Super Night Shot", der weiß, dass die Gruppe mit bestimmten Aufführungsorten, Videoschalten und bis zur Absurdität verfolgten fixen Ideen arbeitet. Aber nicht mit vorgegebenen Stücken. Von der Straße gecastet Für "In diesem Kiez" haben Gob Squad allerdings eine schlagende Lösung gefunden: die Themen des Textes - Geld, Liebe, Arbeit, Ruhm, um mal grob zu vereinfachen - werden zu seinen Produktionsbedingungen. Jeden Abend casten die Gob-Squad-Spieler drei Protagonisten direkt von der Krebsgasse vor der Schlosserei weg. Einen roten Teppich haben sie dazu ausgelegt und reichen Sektflöten - die werden allerdings den Passanten schnell wieder aus der Hand gerissen, wenn die keine Mitmachbereitschaft erkennen lassen. Diejenigen, die sich schließlich überreden lassen, weden erst einmal in ein Hinterzimmer gführt. Der Zuschauer vefolgt die Gagenverhandlungen wue schon das Straßencasting auf der Videoleinwand. 130 Euro sind in der Abendkasse, ein Euro von jeder verkauften Karte, die müssen reichen für drei. Ist es die versprochene Gage, die Lust aufs Unbekannte oder echte, unverfölschte Rampensauerei, die unsere Instant-Akteure auf die Bühne treibt? Gob Squad betont jedenfalls das Unangenehme jeden Geldgespräches. Mal ist es Sean Patten, der mit absurd dicker Zigarre die Karikatur einer ausgekochten Managers gibt, mal Sarah Thom, die die Gagenverhandlungen in eine spritistische Séance umdeuten will. Weil ihr das peinlich ist, das mit dem Geld. Schlussendlich werden die Neueinkäufe eingekleidet, mit Kopfhörern und Mikrofon ausgestattet und in den Spielraum entlassen. Der steht zwar auf der Bühne, die Zuschauer können ihn jedoch nur durch zwei Türöffnungen einsehen. Den handelnden Personen des Stückes wirdeingeflüstert, was die zu sagen, wohin sie such zu wenden haben. Kameras übertragen das uns halb verborgene Geschenhen auf die große Leinwand, die Technik unterlegt es mit melodramatisch geigender Filmmusik. Wir sehen Andi als Bigman, der morgenbemantelt über seine edle Wohnungseinrichtung sinniert, in der er sich nun fremd fühlt. Wir sehen Marlies als Twopence Twopence, der sich Bigman mit sexuellen Versprechungen andient, aber eigentlich nur scharf ist auf seine teure Couchgarnitur. Und wir sehen Peter als Sugarmamie, die ihren Bigman in flagranti erwischt. Das ergibt kaum eine Dramenskizze. Doch die Spannung entwickelt sich aus dem anfänglichen Nicht-Verstehen der überforderten Amateure für den Pollesch-Text und aus deren langsamen Annäherung an die ihnene zugeteilten Rolle - gerade Marlies besitzt echtes Schauspieltalent. So wirs die Bewegung zwischen totaler Entfremdung und versuchter Nähe, die schon im Test vorhanden ist, noch einmal in Echtzeit nachgestellt. Natürlich ist das oft auch sclicht lustig, wenn etwa Andi im Mannheimer Zungenschlag "Unglaublich, vor welcher Scheiße man sich ablichten lässt" rezitiert und sich das Lachen nur schwer verbeißen kann. Oder wenn der eher grobschlächtige Peter in blauer Kunstfeljacke "Ich bin Dirigent" exklamiert. Mit Werbeunterbrechungen Witzig sind auch die zwischengeschalteten Werbespots von Geschäften aus der Krebsgasse, die helfen sollen, so Gob Squads Bastian Trost, den Abend zu finanzieren. Am Ende jeden Spots zitiert jeweils ein Verkäufer ein, zwei Sätze aus dem Pollesch-Text, Sätze, die ein tiefes Unzufriedensein mit der Gesamtsituation artikulieren. Und wieder berührt gerade der Abstand - ob aus Überrumpelung oder Unverständnis - des Sprechenden zum Ausgesprochenen, das wie ein geheimer Subtext zum durchgekapitalisierten Alltag wirkt. Gob Squads Pollesch-Version mag ein kurzweiliges, extrem vergnügliches Erlebnis sein, in der Rückschau strahlt die Performance großen Ernst aus. "Ich halte hier der Verzweiflung meine Fresse entgegen", sagt Gob Squads Johanna Freiburg im Casting-Außendienst in die Kamera. Ob das nun Original-Pollesch-Text ist oder nicht, der Satz trifft zu. Auf Gob Squad, auf die Gäste von der Straße, auf das Publikum in der Schlosserei. Großer Abend. Von Christian Bos WHO ARE YOU WEARING? Mannheimer Morgen 1. Sept. 2006 Jeder wird zum Star WUNDER DER PRÄRIE: Auftakt mit Glanz und Glamour .... Über den roten Teppich schritten die großen Namen der Glitzer- und Glamourwelt ins ehemalige Mannheimer Gesundheitsamt. Darunter Stars wie Brigitte Bardot, Sarah Jessica Parker, Prinz Harry und Antonio Banderas - selbst der zur Zeit im Kreuzfeuer der Kritik stehende Günther Grass hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich zur Eröffnung des Festivals "Wunder der Prärie" zu erscheinen. Mit Komplimenten wie "Sie sehen großartig aus" empfingen die drei charmanten Conférenciers von "Gob Squad" das strahlende Schauspielerpaar Angelina Jolie und Brad Pitt. Jennifer Aniston indes nutzte die Gelegenheit, um ihrem treulosen Ex-Gatten via Live-Schaltung auf die Großleinwand im zweiten Stock eine Nachricht zukommen zu lassen: "Vince ist besser im Bett!". Was ein Glück! Das ist schließlich auch das Motto des Festivals. Und sind nicht Stars quasi automatisch glücklich? Obwohl wir es am liebsten sehen, wenn sie unter den gleichen Problemen wie andere Normalsterbliche auch leiden. Man merkt es langsam - irgendwas ist hier faul. Denn getreu Andy Warhols Prophezeihung, dass in der Zukunft jeder für 15 Minuten berühmt sein werde, wurden hier Besucher mehr oder weniger überrumpelt auf Zuruf der Gob Squad-Künstler für einige Augenblicke zu echten Stars. .... Zum Abschluss posierten die Conférenciers Simon Will, Sean Patten und Bastian Trost noch in gekonnter Model-Manier vor einer Spiegelwand. ... Die Mitglieder der 1994 gegründeten Performancetruppe gaben den Gästen noch einen guten Rat mit auf den Weg: "Was auch immer ihr in dieser Welt noch tun wollt: bleibt glücklich!" Die Rheinpfalz, 1. Sept. 2006 Das Glück des Augenblicks ... "Wo ist eigentlich Xavier Naidoo?" Die Frage war berechtigt, schließlich hatte man eigens eine stilechte Promi-Schleuse aufgebaut mit rotem Teppich, grellen Scheinwerfern, Kameras und nervigen Interviewern. Die mussten dann mit George Clooney, André Agassi und anderen vorliebnehmen, genauer gesagt mit Leuten, die bereit waren für ein paar Gesprächsminuten in die Promi-Rolle zu schlüpfen. Die deutch-britischen Gruppe Gob Squad hatte die Eröffnung des Festivals übernommen und Besuchern die Chance gegeben, zum Kurzzeit-Star zu werden. Ein wenig äußerliche Ähnlichkeit reichte für die Prinz-Harry-Rolle, ein Pfälzer Zungenschlag machte ein harmloses Pärchen zu Kohls Kindern. Die Interviewer im tadellosen Anzug parlierten professionell auf deutsch und englisch, verbreiteten geschäftigen Glamour und stocherten mit ungebrochener Wissbegier im biografischen Nichts ihrer Gesprächspartner. Das war dann wie beim Promi-Talk im Fernsehen und sorgte für Heiterkeit vor der Großbildleinwand im Festivalzentrum, wo die aufgezeichneten Interviews zu sehen waren. FM4 Radio ORF-online, 21. April 2006 Who are you wearing? Gob Squad hat sich für das Eröffnungsspektakel eine Performance höchster humoristischer Güte ausgedacht: Am roten Teppich vor der Eingangshalle stehen Sean, Bastian und Simon im Anzug und interviewen die großen Stars bei ihrer Ankunft. Du kannst jeder sein. Du musst nur lächeln und halbwegs fantastisch, also relativ aussehen. ... So wird aus dem langhaarigen, großen Slacker eine Desperate Houswife, Pete Doherty hat plötzlich Glatze und antwortet auf die "where is Kate?"-Frage mit "Kate who?". Robert Smith von the Cure gibt ein "D´Ehre" von sich und Gerry Keszler wird zu Naomi Campell und beantwortet Fragen zum Imagewechsel. Perfekter kann der Starhype nicht hintergangen werden. SUPER NIGHT SHOT Kritiken von Super Night Shot beim Festival riocenacontemporanea in Rio de Janeiro /Brasilien Sept. 2006: Warum die Welt (und Rio) Helden braucht von Alessandra Duarte „Hallo, ich bin der Held. Brauchst du mich? Glaubst du an mich?“, fragt Fernando Lopes Lima, als er mit der Kamera in der Hand einen Frisiersalon in Lapa betritt. Senhor Mario, ein im Salon arbeitender Italiener, antwortet ihm: „Ich muss in der Lotterie gewinnen, mein Sohn.“ Fernando muss die Welt retten. Fernando darf nicht in Vergessenheit geraten. Und heute Abend kann es sein, dass er dich in irgendeiner Straße von Rio de Janeiro anspricht. Es kann aber auch einer seiner Kollegen sein, der, statt „Glaubst du an mich?“ zu fragen, von dir wissen will: „Glaubst du an die Liebe? Würdest du einen Fremden küssen (den Helden Fernando)?“ (...) Für die Vorstellungen in Brasilien (zuerst in São Paulo und jetzt in Rio) hat Gob Squad vier Schauspieler aus Rio eingeladen und vier aus São Paulo (neben zwei DJs, die für die musikalische Untermalung der Videos zuständig sind). In zwei Gruppen von je vier Performern spielen sie die Personen des Stücks Super Night Shot. Das war das erste Mal, dass Gob Squad Akteure vor Ort eingelernt hat, denn es war ja nicht möglich, mit den Menschen auf der Straße Englisch zu sprechen. Und es ist auch das erste Mal, dass Personenschützer zum Einsatz kommen, die die Aufnahmen vor Ort begleiten. (...) In São Paulo hat die Gruppe jedes Mal einen zum Küssen gefunden. Bei den Proben in Rio kam es zu Umarmungen, Küssen auf die Wangen und auf den Mund der Maske, die der Held am Ende des Videos trägt (jeder Schauspieler trägt eine Maske) sowie zu Kommentaren wie dem eines Mannes in einer Kneipe in Lapa, der ins Handy sprach: „Komm her. Die ganze Gerechtigkeitsliga ist hier!“ Spektakulärer Schuss ins Dunkle von Raquel Cozer (...) Super Night Shot (Ein Schuss ins Dunkle), die Produktion der deutsch-englischen Gruppe Gob Squad, war einer der Höhepunkte des Festivals und hat seinen Teil mit Glanz getan: Es trug keinen Deut zur Klärung der Definition bei, was unter „zeitgenössisch“ zu verstehen sei, und versetzte zudem dem Begriff von Dramaturgie und Theaterkunst in strengerem Sinn fast schon den Todesstoß. Das Ganze funktioniert so: Eine Stunde bevor die Vorstellung von Super Night Shot beginnt, begeben sich vier mit Video-Kameras ausgerüstete Schauspieler hinaus auf die Straße. Dabei sind die Rollen genau verteilt: Einer von ihnen verkörpert den Helden, der unbedingt beweisen will, dass jemandem helfen kann; ein anderer versteht sich als PR-Mann, der sich für die Verbreitung der Vorzüge des Helden verantwortlich weiß; ein dritter sieht sich die Umgebung des Theaters genauer an, um einen geeigneten Schauplatz ausfindig zu machen, während das letzte Gruppenmitglied die Passanten anspricht und versucht, jemanden dafür zu gewinnen, mit dem Helden einen filmwirksamen Kuss zu tauschen. Gelingt dies, gilt die Aufgabe als erfolgreich gelöst. Die Aufnahmen von sechzig Minuten Dauer, die jeder der vier zurückbringt, werden dann gleichzeitig auf vier nebeneinander auf der Bühne angebrachte Leinwände projiziert. Um die Begriffe von Publikum und Darsteller noch mehr durcheinander zu bringen, wird in der letzten Szene von Super Night Shot das Publikum selbst im Foyer des Theaters zum Mitspieler. Der Schock des Zeitgenössischen ereignet sich auf mehreren Ebenen. An erster Stelle scheint hier der Vorgang wichtiger als das Ergebnis: Es gibt keine Gewähr dafür, dass die Schauspieler jeden Abend ihre Aufgabe auch erfolgreich zu Ende führen, dass sie auf interessante Personen stoßen und witzige Situationen festhalten können. Dennoch nimmt die Herausforderung, kontrastierende oder sich ergänzende Momente aufzuspüren, das Publikum dermaßen für sich ein, dass man den Eindruck gewinnt, es handle sich um eine große, allgemeine Katharsis – und alles ohne Bühne, ohne Text, ohne Lehrhaftigkeit, ohne jeden weiteren Zweck als einfach zu spielen. An zweiter Stelle kümmert sich kein Mensch um dramaturgische Fragen. Super Nigt Shot ähnelt einem „Vorsicht Kamera“-Programm fürs Fernsehen. Manchmal kommt es einem auch vor, dass man es mit Studienanfängern zu tun hat, die an den Kreuzungen zum Spaß um Geld betteln müssen. Manchmal sind die festgehaltenen Szenen auch nichts weiter als pathetisch oder poetisch, große Momentaufnahmen einer Großstadt. Als klare Herausforderung gegenüber einer herkömmlichen Theaterarbeit, bei der der Zuschauer nur den einen Gesichtspunkt des gerade Gespielten vor sich hat, multipliziert Super Night Shot Kulissen, Gespräche und Situationen mit Hilfe eines Vorgehens, das an die für Film und Fernsehen typische Fragmentierung erinnert, den Zufall bevorzugt und als wichtigste Werkzeuge das Nebeneinander- und Zusammenstellen einsetzt. Wenn in einer herkömmlichen Inszenierung seit jeher das Schweigen als einer der wichtigsten Bestandteile angesehen wird, hält sich Super Night Shot an das Rezept der zeitgenössischen elektronischen Medien und rückt gar in die Nähe einer barocken Geisteshaltung, denn da ist kein Platz lässt für Leere und zu ergänzende Räume. Andererseits schwächt das Fehlen einer dramatischen Linienführung die Verbindung zwischen Zuschauer und (auf der Leinwand) Vorgeführtem ab. Das hat aber auch zur Folge, dass es zu einer geringeren Manipulation der Gefühle kommt, die ja ansonsten für die räumliche Nähe von Schauspielern und Publikum im Theater charakteristisch ist. Theater, Kino oder Fernsehen? Spielerei, Technologie-Vorführung oder Kunst? Super Night Shot kümmert sich kaum um diese Art von Fragestellung. Mit ihrer ästhetischen Sorglosigkeit und unbestreitbaren Fähigkeit zu bezaubern gibt die Gruppe jedoch einen Fingerzeig hinsichtlich der Frage, was denn nun zeitgenössisch sei: Es gibt da Munition im Überfluss, das heißt Ideen, Talent und Technologie, man weiß nur nicht genau, was denn nun eigentlich das Ziel sein soll. Zeitgenössische Kunst ist ein Schuss ins Dunkle, ein spektakulärer Schuss ins Dunkle. ROOM SERVICE Der Standard, Wien 24. April 2006 Menschen im Hotel Sogwirkung: Gob Squad und Big Art Group von Margarete Affenzeller ... In Room Service halten vier in ihren jeweiligen Hotelzimmern via Monitor bildlich anwesenden Akteure über Telefon Kontakt mit ihren Zuschauern in der düsteren Kellerbar. Eine nachvollziehbare Bitte der Performance-Künstler Gob Squad an das Publikum, wie auch an das jederzeit zur Verfügung stehende "Room Service": In vier identischen Hotelzimmern verbringen zwei Frauen und zwei Männer völlig isoliert ihre Nacht - und so ganz auf sich alleine gestellt bieten deren Beschäftigungsarten einiges an Humor und Kreativität. Die Darsteller spielen nicht nur Spiele mit sich selbst, sondern erfinden außerdem eine Welt unendlicher Möglichkeiten. Denn wer so viel Zeit totzuschlagen hat, kommt in den Tiefen der Mini-Bar auch immer wieder auf äußerst ungewöhnliche Ideen.
WHERE DO YOU WANT TO GO TO DIE? Theater heute 06/2006: "So jenau wollen wir det jarnich wissen" Brecht zu Ehren - die Nacht zum 1. Mai in der Berliner Volksbühne von Christian Rakow .... Dort hat die mit Prater-Saga 3 spannendste Live-Art-Gruppe der Stadt, Gob Squad, einen Mercedes-Kleintransporter für eine virtuelle Fahrt durch Berlin umgerüstet: auf der Windschutzscheibe läuft ein Video im Zeitraffer, gefilmt durch die Windschutzscheibe: Kudamm und Gedächtniskirche tauchen auf. Der Wagen stoppt, Johanna Freiburg steigt aus und schlägt auf das Frontglas, während hinter ihr ein zufällig anwesender Fahrradfahrer zu rätseln scheint, ob das Kunst ist oder Alberei. "Bright eyes burning like fire" falsetiert Art Garfunkel. Dann setzt der Wagen zurück und lässt die Performerin stehen. Das Video wechselt und neue Fahrten folgen mit ähnlichen Finshs (eine Sektdusche an einer Tankstelle; ein Strip vor der Charité, jeweils von Pop Classics untermahlt). Die Arbeit mit dem Titel "Where Do You Want To Go To Die?" lässt zwar eher an zehn kleine Negerlein denken als an Städtebewohner und Steyr-Fahrer Brecht. Aber als unpretentiöse Etüde über das Auftauchen und Verschwinden im urbanen Raum ist dieser Gob-Squad-Teamausflug der frühe Höhepunkt des Abends. .... |
